Blues zum Kampftag
Von Marijana Verhoef

Bleib mir weg mit Philosophie!
Ihr wollt wissen, was Freiheit ist?

Andi Valandi

Wir fahr’n die Straße runter – und machen Rabatz.
Ihr seid müde, wir sind munter, Achtung! Achtung!
Die Haare sind bunt, die Klamotten zerfetzt.
Das Radio voll aufgedreht – Ton Steine Scherben.
Seht uns nicht so an! Wir sind glücklich und frei.
Wir würden euch gern mitnehm’n, Hello, Hello, good bye, good bye

Als ich ihn am Eingang zum Berliner Mauerpark entdeckte, die Quelle dieses faszinierenden alternativen Blues suchend, schien er mir wie ein Wesen aus einer anderen Dimension: Ein furioser Mix aus Huckleberry Finn und rothaarigem Kobold, mit E-Gitarre und einer Stimme à la Tom Waits, die in die Vorbeilaufenden eindringt und sie dazu zwingt, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen.

„Hey, ciao, hast du auch ‘ne CD?“, fragte ich ihn, während er einen großen Schluck aus seiner Weinflasche nahm. Er grinste und gab mir eine CD mit einem Foto von sich auf der Papierhülle. Auf dem Foto konnte man genau dasselbe Grinsen sehen, und auf dem Cover stand: „Andi Valandi und die Jägermeisters – kopf.stein.pflaster/blues_records“.

Straßenköter bin ich.

Seine ganze Erscheinung brannte sich in mein Gehirn ein. Kein Wunder also, dass ich so bald wie möglich nach Dresden fuhr, um einen Kurzfilm zu drehen. Über Andi Valandi, den Jungen von der Straße mit der Stimme aus Kleber und Sand.

Bereits in Berlin war mir klargeworden, dass Andi aufrichtig und authentisch ist. In Dresden wurden mir die Details bewusst. Für ihn ist das Wort „professionell“ negativ konnotiert. Von einem „Verlag“ oder „Label“ will er nichts wissen, und definitiv immun ist er gegen alle durch MTV und Co. verursachten ADHS-Illusionen.
Seine Entscheidung, das Leben eines Landstreichers zu führen, ohne festen Wohnsitz und ohne Bankkonto, empfand ich als total exotisch. Weder zählt er zu irgendeiner sozialen Minderheit, noch ist er Alkoholiker oder Psychopath, sondern ist ein junger, talentierter Europäer, ein Kind aus gutem Haus – wie man so sagt. Es kann sehr hart sein, nicht zu wissen, wo man die nächste Nacht schläft.

Auf den ersten Blick würde man meinen, dass Andi und ich aus zwei völlig verschiedenen Welten kommen. Um sich der Musik widmen zu können, war er dazu gezwungen, seine Welt zu dekonstruieren. Ich hingegen musste meine Welt, einen eigenen Mikrokosmos, auf den Ruinen einer zerstörerischen Post-Kriegs-Gesellschaft in Serbien erschaffen: eine Welt, in der es den Raum für das Wertesystem gibt, das ich in mir trage. Im Allgemeinen bin ich unter turbulenten Umständen aufgewachsen, und so habe ich mir das anarchische Berlin innerhalb des deutschen Systems ausgesucht. Weil es mir die Freiheit gab, schöpferisch tätig zu sein und mich auf professioneller künstlerischer Ebene weiterzuentwickeln.

Wir machen was wir wolln und wir leben wie die Tolln
und wir hassen was wir solln und wir gehen in die Volln.

Andi jedoch sperrt sich gegen dieses System. Als ich ihn in Dresden besuchte, dachte ich, dass ich alle fünf Minuten eine neue Tetanus-Spritze brauche. Er lebte zu der Zeit in einem völlig heruntergekommenen, aber charmanten besetzten Haus im Freiraum Elbtal, in einem abgefuckten Zimmer, voll mit musikalischen Paraphernalien, dessen Tür nicht einmal eine Klinke hatte. „Ich habe immer Angst, dass irgendein besoffener Vollidiot in mein Zimmer stolpert und in meinem Bett einschläft“, lachte Andi.

Aufgewachsen bin ich so echt ganz normal, und es wurde immer schlimmer.

Andi gab sein Zuhause auf, weil ihn die Routine des bürgerlichen Alltags erstickte. Aber er ist nicht weit gegangen. In seiner Heimatstadt hat er seinen Platz an der Sonne gefunden, so, wie es seinem Wesen am ehesten entspricht. Im Unterschied zu mir, die ich in verschiedenen europäischen Städten gelebt habe, bis ich diejenige fand, in der ich mich am wenigsten wie ein Alien fühlte.

Seine Karriere begann er als Techniker im Keller eines Dresdner Amateur-Theaters, in dem regelmäßig Open Stage-Abende stattfinden, bei denen Leute, in rotes, lyncheskes Licht getaucht, ihr „kreatives Selbst“ zur Schau stellen.
Bei meinem Besuch in Dresden saß ich also im Publikum und hörte geduldig dem Mädchen zu, das über ihre Katzen sang, dann einer alten Dame, die leidenschaftlich Liebesbriefe aus dem ersten Weltkrieg vorlas. Doch als der rothaarige Rebell im Oliver Twist-Outfit die Bühne betrat, riss er uns mit seinem rohen Talent völlig vom Hocker. Sein Gesicht war eine Palette aus wechselnden drastischen und humorvollen Grimassen, und die Choreografie seines Körpers harmonierte völlig mit seinem Punk-Bariton und der akustischen Gitarre. Mit seinen Auftritten in diesem Laden hatte er seine Performance perfektioniert und einen lässigen Stil kreiert, mit dem Publikum zu kommunizieren.

Eure Chefs könnt ihr behalten. Und eure Hierarchien.

Das Leben eines Straßenmusikers ist intensiv und verbraucht den, der es führt. So ruft Andis Erscheinung Assoziationen zu einer Art Bohemien-Destruktivität hervor. Doch stimmen diese Klischees so nicht. Er läuft barfuß durch die Straßen, doch es ist nur Wasser, was er aus seiner Weinflasche trinkt. Als ich da war, weckte er mich gewissenhaft um neun Uhr morgens, damit wir den ganzen Tag lang Zeit zum Drehen hatten. Er ist Vegetarier, aber er aß den Rest meines Kebabs auf, damit wir nichts wegwerfen mussten, und in der Bar trank er anstelle von Schnaps eine Limo, weil er noch Auto fahren wollte.

Rebellion, Zigaretten und ’ne Hand voll Liebe.
Gegen den Strich, für den Mindestlohn und ’ne Hand voll Liebe.

In Andis apokalyptischer Behausung mit den rissigen Wänden fand ich eine Röntgenaufnahme vom Ellenbogenknochen seiner Großmutter. Daraufhin erzählte er mir, dass ihn seine Großeltern, seine Mutter und sein Stiefvater vor einiger Zeit einmal besucht hätten. Und wie hatten seine Eltern auf seinen Vagabunden-Lifestyle reagiert? Er sagte: „Genauso wie ich ihre Art zu leben akzeptieren musste, so müssen sie akzeptieren, wie ich bin.“

Auch meine persönliche Geschichte ist zu einem großen Teil ein ungewöhnliches Vagabundenleben. Als ich mit 15 Jahren aus Serbien wegging und anfing, durch Europa zu wandern, erlebte ich Existenzangst im übelsten Roller Coaster-Format. Da ich solo unterwegs war und keine Zeit zu verschwenden hatte, musste ich allerdings die Welt um mich herum von Anfang an aufbauen, Schritt für Schritt, von einer Stadt zur anderen. Während dieses Prozesses kam es mir viel zu abstrakt und einfach vor, Erfolg und Freiheit direkt miteinander in Beziehung zu setzen. Gab es Freiheit nicht eigentlich nur im Kontrast zu etwas anderem? Wir jonglieren mit diesen Begriffen herum, ohne uns zu fragen, wie wir den Weg zum „Erfolg“ so gestalten können, dass er wirklich etwas mit uns selbst, unserer Individualität zu tun hat. Und da waren Andis und mein Weg plötzlich miteinander verknüpft. Ich erkannte, dass wir beide von einem ursprünglichen Bedürfnis geleitet sind, unser Leben gemäß unseren jeweiligen Persönlichkeiten und Wünschen zu gestalten. Loyal gegenüber uns selbst.

Aus dem Serbischen von Renata Britvec.

Marijana Verhoef wurde in Belgrad geboren und lebte in verschiedenen Städten Europas, ehe sie fest nach Berlin zog. Sie dreht Filme, schreibt Theaterstücke und arbeitet regelmäßig am Theater. Derzeit dreht sie eine Langzeit-Doku „Sofke’s Welt“ über die LGBT-Szene aus Ost-Europa in Berlin. In Zusammenarbeit mit dem Jungen DT entstand der Doku-Film „Aliens“, der beim Festival Interventionen – Refugees in Arts & Education Anfang Juni in Berlin gezeigt wird. Ihr Theaterstück „Playboy“ wurde kürzlich am Theater Augsburg uraufgeführt, außerdem ist sie Mitbegründerin von „Mixed Pickels“, einer crossmedialen Plattform für die Verknüpfung von Kulturen.

Veröffentlicht in: Das Magazin zum 32. Treffen Junge Musik-Szene, 11.-16. November 2015, Berliner Festspiele, Seite 59ff.http://www.berlinerfestspiele.de/media/2015/bundeswettbewerbe_4/treffen_junge_musik_szene_3/download_23/tjm15_magazin.pdf